Retrofit in der Intralogistik

Quelle: Logistik (02÷2024, ET 28.03.2024, S. 12–15)

Wie neu für wenig Geld hat Konjunktur

Retrofit ermög­licht Leis­tungs­stei­ge­rungen bei Intra­lo­gistik und Mate­ri­al­fluss ohne hohe Inves­ti­tionen. Viele Lager- und Förder­ein­rich­tungen sind nach Jahr­zehnten im Dauer­einsatz immer noch funk­ti­ons­fähig. Sie müssen lediglich an eine neue System­technik und verän­derte Prozesse ange­passt werden.

Retrofit liegt voll im Trend. ln den vergan­genen Monaten verzeichnet der Intra­lo­gistik-Sektor verstärkt Anfragen im Hinblick auf die Moder­ni­sierung, den Umbau, das System-Tuning, die Revi­ta­li­sierung und die Erwei­terung bestehender Anlagen. Das Geschäfts­vo­lumen auf diesem Gebiet habe deutlich zuge­nommen. Dies berichten unisono inter­na­tional präsente Anbieter von Retrofit-Mass­nahmen für Lager- und Förder­technik, darunter die Schweizer Stöcklin Logistik AG, die Schweizer Fehr Lager­lo­gistik AG, die Schweizer Gilgen Logi­stics AG und die Knapp AG aus Österreich.

Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, denken manche Material-Handling-Supplier daran, sich noch gezielter als bisher auf dieses Segment zu fokus­sieren. Zu diesen zählt der nord­deutsche Förder­tech­nik­spe­zialist SEH Engi­neering GmbH, der ab sofort sein Retrofit-Geschäft in einer eigenen Business-Unit konzen­triert. Knapp hat diesen Weg bereits vor etlichen Jahren beschritten. Seitdem fungieren die «Inter­na­tional Customer Services» (ICS) als «unab­hängig im ganzen Konzern agie­rende Einheit» für die Planung und Durch­führung von intra­lo­gis­ti­schen Opti­mie­rungs­pro­jekten. Fehr, Gilgen und Stöcklin haben ihre Expertise in Sachen Retrofit eben­falls in entspre­chenden Service-Abtei­lungen gebündelt.

GESTIEGENE ENER­GIE­KOSTEN LÖSEN RETROFIT-BOOM AUS

Die Gründe für den derzei­tigen Retrofit-Boom kennt Andre Rawyler, Leiter Spezi­al­pro­jekte Services bei Stöcklin, ganz genau. Ihm zufolge gewinnt vor allem das Thema Nach­hal­tigkeit bei Unter­nehmen einen immer höheren Stel­lenwert. So gebe es momentan zahl­reiche Kunden, die mithilfe eines intel­li­genten Anlagen-Retrofits eine «signi­fikant» höhere Ener­gie­ef­fi­zienz anstrebten, um auf diese Weise die explo­si­ons­artig gestie­genen Ener­gie­kosten etwas aufzu­fangen. Carsten Schmidt, Geschäfts­führer des Bereichs Förder­systeme bei SEH Engi­neering, bestätigt diese Entwicklung. Zudem erscheine in wirt­schaftlich unsi­cheren Zeiten insbe­sondere mittel­stän­di­schen Unter­nehmen das Um- und Nach­rüsten vorhan­dener Anlagen gegenüber einer kompletten Neuin­ves­tition als die weniger riskante Alter­native. Bei Gilgen teilt man diese Einschätzung: «Aufgrund der gestie­genen Zinsen und der Inflation ist eine erhöhte Nach­frage spürbar», so Stefan Hayoz, Abtei­lungs­leiter Vertrieb bei Gilgen. Statt eines Neubaus werde die bestehende Anlage nochmals aufge­frischt und bei Bedarf erweitert.
Ales­sandro Freidl, bei Knapp ICJS Director Onsite Services, bringt noch weitere Aspekte ins Spiel: Demnach erwächst die stei­gende Nach­frage nach Retrofit auch aus neuen gesetz­lichen Vorschriften und dem gestie­genen Be wusstsein gegenüber Cyber-Sicherheit.

ALTERE HARDWARE OFT NOCH VOLL FUNKTIONSFÄHIG

Laut Marco Schmälzte, für Maintenance/Modernisierung zustän­diger Vertriebs­in­ge­nieur bei Fehr, sprechen nicht nur wirt­schaft­liche Gründe für ein Retrofit der bestehenden System­ar­chi­tektur; denn meist sei die Mechanik älterer Anlagen nach wie vor in gutem Zustand. Dies gilt insbe­sondere für regel­mässig gewartete, auf Lang­le­bigkeit getrimmte Hardware wie Power-and-Free-Förderer, Regal­be­dien­geräte, AGVs oder Hoch­re­ga­lan­lagen, bei denen Verschleiss­teile früh­zeitig er setzt wurden. In diesen Fällen reiche es meist aus, die veraltete IT-lnfra­struktur und System­technik auf den neuesten Stand zu bringen. Zu einem solchen Mass­nah­men­paket gehört, dass etwa eine vom Hersteller nicht mehr unter­stützte Steuerung und die veraltete Elektrik ausge­tauscht, neue Schnitt­stellen defi­niert und inte­griert sowie die Lager­ver­wal­tungs- und sonstige Software an gestiegene Anfor­de­rungen und Sicher­heits­stan­dards ange­passt werden. Parallel dazu ist ein Retrofit die passende Gele­genheit, alle Kompo­nenten mit verän­derten Betriebs­ab­läufen in Einklang zu bringen, um so die Effi­zienz des Gesamt­systems zu erhöhen und für zukünf­tiges Wachstum zu rüsten. Bei den Projekten von Knapp ist – wie Freidl betont – das Hinter­fragen des Anla­gen­de­signs wesent­licher Bestandteil des Upgrades: «Basierend auf den aktu­ellen und zukünf­tigen Geschäfts­an­for­de­rungen des Kunden sorgt ein Retrofit so für ein Maximum an Business-Conti­nuity und Leistung.»

RETROFIT GILT AUCH FÜR FREMDANLAGEN

Ein Retrofit ist selbst dann möglich, wenn der ursprüng­liche Lieferant einer Anlage vom Markt verschwunden ist. Ersatz­teile nicht mehr verfügbar sind und alle Doku­men­ta­tionen fehlen. Fehr, Gilgen, SEH Engi­neering und Stöcklin schliessen nämlich die Moder­ni­sierung von Anlagen mit ein, die einst andere Anbieter produ­ziert haben. Alle vier sind durchwegs in der Lage, Systeme unab­hängig vom Hersteller und vom Baujahr umzu­rüsten und mit zeit­ge­mässen Tech­no­logien zu versehen. Rawyler verweist dazu auf das breite Ferti­gungs-Know-how von Stöcklin, um auch in diesem Fall dem Kunden GROUP eine «pass­genaue Lösung» – notfalls mit «Sonder­for­maten» – zu offe­rieren. Bei Fehr nimmt – wie Schmälzle errechnet hat – das Geschäft mit Fremd­an­lagen einen Anteil von 60 Prozent innerhalb des Rctrofit-Segments ein. Damit erhält jeder Kunde die Chance, von einer per Retrofit gestei­gerten System­ver­füg­barkeit zu profi­tieren. Mit vergleichbar geringem Aufwand kann er so seine Wett­be­werbs­fä­higkeit am Markt erhalten oder sogar ausbauen.

RETROFIT HAT POTENZIAL ZU CO2-EINSPARUNG

Wie sich die Wieder­auf­ar­beitung einer Bestands­anlage gegenüber einer kompletten Neuin­stal­lation in der C02-Bilanz eines Unter­nehmens positiv nieder­schlägt, belegt Freidl anhand eines konkreten Fall­bei­spiels, das für Knapp typisch ist. Demnach resul­tiert das Retrofit eines Lagers mit OSR Shuttle der ersten Gene­ration bei einer Regal­masse von 573 Tonnen, acht Gassen, einer Fläche von 953 Quadrat­metern und einer Höhe von 5,6 Metern in einer Einsparung von 1486 Tonnen CO2 im Vergleich zu einem komplett neuen Shuttle-System. Die weitere Nutzung bereits exis­tie­render Lager- oder Ferti­gungs­hallen trägt eben­falls zur Nach­hal­tigkeit und zur Verrin­gerung des C02-Verbrauchs bei.

RETROFIT ERFOLGT IN DER REGEL BEI LAUFENDEM BETRIEB

Der Umstand, dass bei einem Retrofit vorhandene Gebäu­de­struk­turen beibe­halten werden, bietet dem Kunden einen nicht zu unter­schät­zenden Vorteil: Er wird von grös­seren Betriebs­un­ter­bre­chungen verschont und kann nahezu unein­ge­schränkt seine Produktion fort­führen. SEH Engi­neering nutzt bei Retrofit-Mass­nahmen das bei Green­field-Projekten bewährte Instrument des «Predictive Engi­neering». Dieses sorgt nicht nur für eine optimale Planung, sondern elimi­niert dank 3D-Scan und VR-Tech­nologi en bereits im Vorfeld poten­zielle Kolli­sionen. Deren Vermeidung zählt zu den grössten Heraus­for­de­rungen, die ein Retrofit bei laufendem Betrieb mit sich bringt.

BASIS FÜR EINE NEUE ERFOLG­REICHE KUNDENBEZIEHUNG

In aller Regel wird die gesamte Anlage Stück für Stück moder­ni­siert, und zwar so, dass der Kunde in seinen Betriebs­ab­läufen so wenig Beein­träch­tigung wie möglich erfährt. Die System­in­ge­nieure, die das Retrofit reali­sieren, müssen auf vorhandene Gege­ben­heiten Rück­sicht nehmen und viel Finger­spit­zen­gefühl an den Tag legen. Für Rawyler erfordert dies ein hohes Mass an Erfahrung und ein «prozess­über­grei­fendes Verständnis». Eben­falls unver­zichtbar sei «eine trans­pa­rente, konti­nu­ier­liche Kommu­ni­kation mit dem Kunden». Ein solcher part­ner­schaft­licher Ansatz ist für Freidl eben­falls grund­legend: «Wir helfen unseren Kunden bei der Iden­ti­fi­kation und Bewertung von Kenn­zahlen und erar­beiten gemeinsam Opti­mie­rungs­sze­narien. So können wir gemeinsam Stabi­lität und Effi­zienz steigern.» Unter diesen Voraus­set­zungen kann sich jedes Retrofit-Projekt zum Auftakt einer neuen erfolg reichen Kunden­be­ziehung entwickeln.